Warum gilt für Kinder ein anderer BMI?
Der Body-Mass-Index berechnet sich aus Körpergewicht (in kg) geteilt durch die Körpergröße im Quadrat (in m²). Bei Erwachsenen gelten international anerkannte Grenzwerte: Unter 18,5 gilt als Untergewicht, 18,5–24,9 als Normalgewicht, 25,0–29,9 als Übergewicht und ab 30 als Adipositas. Diese Grenzen basieren auf epidemiologischen Studien, die den Zusammenhang zwischen BMI und Erkrankungsrisiko (Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen) bei erwachsenen Populationen untersucht haben.
Bei Kindern und Jugendlichen ist die Körperzusammensetzung einem ständigen Wandel unterworfen. Im Säuglingsalter ist der Fettanteil am Körpergewicht naturgemäß hoch, um als Energiereserve und für die Hirnentwicklung zu dienen. Mit dem Kleinkindalter sinkt der Körperfettanteil zunächst deutlich – ein Phänomen, das Mediziner als physiologische Adipositas-Delle (Adiposity Rebound) bezeichnen. In der Pubertät verändert sich die Körperzusammensetzung bei Mädchen und Jungen in entgegengesetzte Richtungen: Mädchen bauen überproportional Fettgewebe auf, Jungen hingegen deutlich mehr Muskelmasse.
Würde man die Erwachsenen-Grenzwerte auf einen Zehnjährigen anwenden, würden praktisch alle Kinder dieses Alters als untergewichtig eingestuft – schlicht weil ihr BMI im Wachstum naturbedingt niedriger ist. Ein 12-jähriges Mädchen mit einem BMI von 20 kann Normalgewicht, Übergewicht oder sogar leichte Adipositas haben, je nachdem wie der Wert im Vergleich zu Gleichaltrigen einzuordnen ist. Genau für diese alters- und geschlechtsspezifische Einordnung gibt es die Perzentilkurven.
Auch ethnische Faktoren spielen eine Rolle: Für Kinder mit türkischen, arabischen oder südostasiatischen Wurzeln, die in Deutschland aufwachsen, gelten in manchen Leitlinien angepasste Referenzwerte, da die Körperzusammensetzung zwischen Bevölkerungsgruppen variieren kann. Kinder aus Süd- und Ostasien zeigen bei gleichen BMI-Werten tendenziell höhere Körperfettanteile als Kinder europäischer Herkunft. Die WHO und verschiedene Fachgesellschaften diskutieren hierzu laufend aktualisierte Empfehlungen.
Perzentilkurven statt fester Grenzwerte
Eine Perzentile gibt an, wo ein Kind im Vergleich zu einer Referenzpopulation steht. Liegt ein Kind auf der 50. Perzentile, hat es genau den mittleren BMI-Wert aller gleichaltrigen Kinder gleichen Geschlechts. Ein Wert auf der 90. Perzentile bedeutet, dass 90 Prozent der Referenzgruppe einen niedrigeren BMI haben – das Kind also zu den schwereren 10 Prozent gehört.
In Deutschland werden für die Beurteilung des kindlichen BMI die Referenzwerte aus der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) des Robert Koch-Instituts verwendet, ergänzt durch die Referenzkurven von Kromeyer-Hauschild et al. (2001). Diese Kurven decken das Alter von 0 bis 18 Jahren ab und sind für Mädchen und Jungen getrennt verfügbar. Die Einteilung erfolgt nach folgendem Schema: Unter der 3. Perzentile gilt als Untergewicht, zwischen der 3. und 90. Perzentile als Normalgewicht, zwischen der 90. und 97. Perzentile als Übergewicht und über der 97. Perzentile als Adipositas (starkes Übergewicht).
Ein Beispiel verdeutlicht die Anwendung: Ein achtjähriger Junge misst 130 cm und wiegt 30 kg. Sein BMI beträgt 30 / (1,30)² = 17,8. In den KiGGS-Referenzkurven für achtjährige Jungen liegt dieser Wert etwa auf der 75. bis 80. Perzentile – also noch im Normalgewichtsbereich, wenn auch im oberen Bereich. Ein BMI von 19,5 bei gleicher Körpergröße würde über die 97. Perzentile hinausgehen und wäre als Adipositas einzustufen.
Die WHO bietet ebenfalls eigene Wachstumskurven an, die auf internationalen Daten aus sechs Ländern basieren und besonders für Kinder unter 5 Jahren relevant sind. Für ältere Kinder und Jugendliche sind die nationalen Referenzkurven – in Deutschland die KiGGS-Daten – vorzuziehen, da sie die hiesige Bevölkerung besser abbilden. Kinderärzte verwenden diese Kurven routinemäßig bei den Vorsorgeuntersuchungen (U7 bis U9 und J1/J2), um Gewichtsentwicklungen frühzeitig zu erkennen.
KiGGS-Daten: Übergewicht bei Kindern in Deutschland
Die KiGGS-Studie des RKI ist die umfangreichste Langzeitstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Sie wurde von 2003 bis 2006 (KiGGS-Basiserhebung), 2009 bis 2012 (Welle 1) und 2014 bis 2017 (Welle 2) durchgeführt und umfasste jeweils mehrere Tausend Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 17 Jahren aus ganz Deutschland.
Die Ergebnisse der KiGGS-Welle 2 zeigen: Rund 15,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren in Deutschland sind übergewichtig (einschließlich Adipositas), davon 5,9 Prozent adipös. Das bedeutet, dass in einer durchschnittlichen Schulklasse von 25 Kindern rund 3 bis 4 Kinder übergewichtig und mindestens 1 Kind adipös ist. Im Vergleich zur Basiserhebung 2003–2006 ist die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas jedoch nicht weiter gestiegen – sie blieb auf einem konstant erhöhten Niveau.
Ein Blick auf die Trends seit den 1980er Jahren zeigt jedoch, dass der Anteil übergewichtiger Kinder in Deutschland zwischen 1985 und 2000 erheblich gestiegen ist. Schätzungen auf Basis historischer Daten gehen davon aus, dass der Anteil übergewichtiger Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren von etwa 7 bis 8 Prozent in den 1980er Jahren auf über 15 Prozent um die Jahrtausendwende gestiegen ist. Seitdem ist eine Stabilisierung auf erhöhtem Niveau zu beobachten.
Sozioökonomische Faktoren spielen eine erhebliche Rolle: Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus sind laut KiGGS-Daten rund zwei- bis dreimal häufiger von Übergewicht und Adipositas betroffen als Kinder aus Familien mit hohem Sozialstatus. Auch regionale Unterschiede sind erkennbar: In urbanen Ballungsräumen und in bestimmten östlichen Bundesländern liegen die Übergewichtsraten teils höher als im Bundesdurchschnitt. Migrationshintergrund ist ebenfalls ein relevanter Faktor – wobei der sozioökonomische Status hier oft als Mediator wirkt.
Wachstumsphasen und ihre Besonderheiten
Das erste Lebensjahr ist geprägt von einem rasanten Gewichtszuwachs: Ein Neugeborenes verdreifacht sein Gewicht bis zum ersten Geburtstag. In dieser Phase ist ein höherer Körperfettanteil physiologisch normal und notwendig. Ab dem zweiten Lebensjahr verlangsamt sich das Wachstum, und der Körperfettanteil sinkt. Zwischen dem fünften und sechsten Lebensjahr erreicht er seinen tiefsten Punkt – die bereits erwähnte Adipositas-Delle (Adiposity Rebound). Setzt der Rebound früh (vor dem 5. Lebensjahr) ein, ist das Risiko für späteres Übergewicht statistisch erhöht.
Die Pubertät stellt die größte Herausforderung für die BMI-Interpretation dar. Bei Mädchen beginnt sie typischerweise zwischen 8 und 13 Jahren, bei Jungen zwischen 9 und 14 Jahren – mit erheblichen individuellen Unterschieden. Frühreife Mädchen haben für ihr Alter oft einen höheren BMI, der jedoch keine pathologische Bedeutung hat. Jungen erleben in der Pubertät durch den starken Muskelzuwachs oft einen deutlichen BMI-Anstieg, ohne dass der Körperfettanteil steigt. Ein reiner BMI-Vergleich ohne Kenntnis des Pubertätsstadiums (Tanner-Stadien) kann daher irreführend sein.
Konstitutionelle Verzögerungen der Pubertät können dazu führen, dass Kinder vorübergehend kleiner und leichter als Gleichaltrige sind und auf den Perzentilkurven weit unten liegen. Dies ist meist harmlos und familär bedingt (beide Elternteile hatten ebenfalls eine späte Pubertät). Davon abzugrenzen sind hormonelle Störungen wie das Prader-Willi-Syndrom oder hypothalamische Adipositas, die einer medizinischen Abklärung bedürfen und zu extremer Gewichtszunahme führen können.
Ethnische Überlegungen sind in einer multikulturellen Gesellschaft wie Deutschland von wachsender Relevanz. Studien zeigen, dass Kinder mit südasiatischem Hintergrund (Pakistan, Indien, Bangladesch) bei gleichen BMI-Werten einen höheren Körperfettanteil und damit ein höheres kardiometabolisches Risiko aufweisen können als Kinder europäischer Herkunft. Für diese Gruppen empfehlen Fachgesellschaften teils niedrigere Schwellenwerte für die Klassifikation von Übergewicht, auch wenn einheitliche nationale Leitlinien noch ausstehen.
Wann sollten Eltern einen Arzt aufsuchen?
Der wichtigste Anlass für eine ärztliche Konsultation ist ein BMI-Wert oberhalb der 97. Perzentile. Dieser Wert entspricht einer Adipositas und sollte zeitnah mit dem Kinderarzt besprochen werden. Auch ein rapider BMI-Anstieg innerhalb eines Jahres – selbst wenn der absolute Wert noch im Normalbereich liegt – kann ein Warnsignal sein und sollte beobachtet und ggf. abgeklärt werden.
Medizinische Komplikationen von Übergewicht und Adipositas im Kindesalter sind ernstzunehmen: Bluthochdruck (arterielle Hypertonie), erhöhte Blutfettwerte (Dyslipidämie), Insulinresistenz und sogar Typ-2-Diabetes – früher als 'Altersdiabetes' bezeichnet – kommen bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen vor. Weitere Folgen sind orthopädische Probleme (Knie- und Hüftbeschwerden), Schlafapnoe und Leberveränderungen (nicht-alkoholische Fettleber, NAFLD). Regelmäßige Blutdruck- und Laborkontrollen sind bei adipösen Kindern daher obligatorisch.
Psychologische Aspekte dürfen nicht unterschätzt werden. Übergewichtige Kinder und Jugendliche sind häufiger von Mobbing, sozialem Rückzug und negativem Körperbild betroffen. Essstörungen wie Binge-Eating können sich bereits im Kindes- und Jugendalter entwickeln. Der Kinderarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater sollte in die Betreuung einbezogen werden, wenn psychische Belastungssignale erkennbar sind.
Eine Ernährungsberatung durch eine qualifizierte Ökotrophologin oder Diätassistentin ist sinnvoll, wenn das Kind dauerhaft oberhalb der 90. Perzentile liegt oder die Familie Unterstützung bei der Ernährungsumstellung benötigt. In Deutschland gibt es spezialisierte Schulungsprogramme für übergewichtige Kinder und Jugendliche (z. B. 'Obeldicks', 'Moby Dick' oder das auf der S3-Leitlinie basierende Konzept der Deutschen Adipositas-Gesellschaft), die von Krankenkassen teilweise bezuschusst werden.
Gesunde Ernährung und Bewegung für Kinder
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Kinder und Jugendliche eine abwechslungsreiche, pflanzenbasierte Kost mit reichlich Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten. Milchprodukte, Fisch und mageres Fleisch ergänzen den Speiseplan in moderaten Mengen. Stark verarbeitete Lebensmittel, Softdrinks und Fast Food sollten die Ausnahme bleiben. Das DGE-Konzept 'Optimierte Mischkost' (OptimiX) bietet konkrete Empfehlungen für verschiedene Altersgruppen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt für Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 17 Jahren mindestens 60 Minuten moderate bis intensive körperliche Aktivität täglich. Dazu zählen Aktivitäten wie Radfahren, Schwimmen, Ballsport oder zügiges Gehen. Zusätzlich sollten mindestens dreimal wöchentlich muskelkräftigende und knochenstärkende Übungen auf dem Programm stehen. In Deutschland erreichen laut KiGGS nur rund 20 bis 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen diese Empfehlung.
Sitzende Tätigkeiten – insbesondere die Bildschirmzeit – sollten begrenzt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) empfiehlt für Kinder unter 3 Jahren keinerlei Bildschirmzeit, für 3- bis 6-Jährige maximal 30 Minuten täglich und für Schulkinder eine individuelle, familär vereinbarte Begrenzung. Exzessiver Medienkonsum ist mit erhöhter Sedentarität, Schlafproblemen und schlechterer Ernährungsqualität assoziiert.
Das Schulessen spielt eine wichtige Rolle in der täglichen Ernährungsversorgung von Kindern. Die DGE hat Qualitätsstandards für die Schulverpflegung entwickelt, die unter anderem den Anteil von Gemüse, Vollkornprodukten und Fisch, sowie die Begrenzung von Salz, gesättigten Fetten und Zucker regeln. In Deutschland variiert die Qualität der Schulverpflegung jedoch stark – ein Handlungsfeld, das Eltern, Schulen und Politik gemeinsam angehen müssen. Familiäre Essgewohnheiten sind ebenso entscheidend: Gemeinsame Mahlzeiten, das Vorbild der Eltern und eine entspannte Mahlzeitatmosphäre fördern langfristig ein gesundes Essverhalten.